In Italien bist du als Student spätestens mit 27 Jahren jenseits von Gut und Böse. Vladlen Koltun hat schon mit 21 seinen Phd gemacht und lehrt seit drei Jahren Computer Science in Stanford, der "Studierstube" von Silicon Valley, in der auch die Gründer von Google und You Tube die Schulbank gedrückt haben.

Vladlen empfängt uns in seinem Büro auf dem Campus. Zur Zeit arbeitet er an einem Projekt, das sich schlichtweg revolutionär anhört: einem „Second-Life-Killer“, d.h. dem Gegenentwurf zu Second Life, jener virtuellen Community, die aktuell nicht nur mediale Aufmerksamkeit, sondern auch jede Menge Geschäfte anzieht. „Second Life hat ein echtes Problem mit der Skalierung, zu viele gleichzeitige Logins verträgt es nicht. Außerdem ist es nicht sonderlich sicher: Du kannst leicht Unterhaltungen mithören oder in Bereiche vordringen, zu denen du keinen Zugang hast. Mit unserem Projekt werden diese Probleme dann alle Vergangenheit sein.“ Diese Idee der Stabilität suggeriert auch der Name des Projekts: Meru meint im Buddhismus das Rückgrat der Welt, das, was alles zusammenhält.

Prof. Koltun (links - das Foto stammt von der Website, die die Stanforder Forschungsgruppe vorstellt) leitet das Projekt, das von der National Science Foundation und der Alfred P. Sloan Foundation unterstützt werden. Seit Januar 2007 ist eine Virtual World Group am Werk, ein multinationales Team von neun Forschern; sie kommen aus Indien, China und den USA. Und Vladlen? Seine Muttersprache ist Russisch, daneben spricht er fließend Englisch und Hebräisch. „Ich komme aus der Ukraine, die, als ich geboren wurde, noch zur UdSSR gehörte – ein Land und eine Kultur, die verschwunden sind. Deshalb sage ich noch manchmal, ich fühle mich mehr Sowjetbürger als Ukrainer....“ Er lacht: „Nein, im Ernst: Wenn ich mich irgend "etwas fühlen" soll, dann muss ich zugeben: Ich fühle mich als Europäer. Der Alte Kontinent ist für mich viel mehr Heimat als die USA, in denen es praktisch keine ästhetische Tradition gibt. Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich nichts, was wirklich schön und liebenswert wäre."

Wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass Vladlen jetzt an einer "Alternativ-Welt" arbeitet, an seiner virtuellen Realität. Eine erste Version von Meru soll Ende 2008 abgeschlossen sein. „Aber wir müssen aufpassen: Ähnliche Ideen gibt es bereits in dem Roman Snow Crash von Neal Stephenson, der von bestimmten Computerspielen erzählt, mit denen sich die Welt verändern lässt.“ Die wirkliche Welt scheint Vladlen hingegen nicht so sehr zu interessieren: Aus seinem Projekt ein Geschäft zu machen, daran hat er noch nicht gedacht. „Auch das Internet war am Anfang nicht kommerziell gedacht. Und seine ersten Schritte hat es auch hier gemacht, in Stanford, mit dem Projekt Arpanet.“ Wie es damit weiterging, ist ja allgemein bekannt. Kein schlechter Anfang also für den jungen "Sowjetbürger"...