babelblogs

hosted by cafebabel.com

eurogeneration

Das Europa einer neuen Generation

To content | To menu | To search

07

11

2007

Eine Lektion für die Antiamerikaner

This post is also available in: English Italian
Versuchen wir mal, einige Vorurteile gegen die USA zu widerlegen:



1. Die USA tun nichts für die Umwelt.
Als wir gestern von Berkeley zurückfuhren, durften wir eine eigene Spur benutzen – durch die Raute gekennzeichnet –, weil wir zu zweit im Wagen saßen.



2. Es gibt kaum politische Diskussion.
Ich möchte wissen, in welchem Land die Zeitschriftenauslage so reichhaltig mit Publikationen zu politischen und internationalen Themen ausgestattet ist.



3. Die Amerikaner interessieren sich nicht für den Rest der Welt.
Dann schaut euch mal Global Voices an: Das Beste aus der weltweiten Blogsphäre in mehreren Sprachen. Hier sitze ich mit David Sasaki, der einer der aktivsten Blogger ist.

06

11

2007

Hillary, Ségolène und Veltroni

This post is also available in: English Italian
Seit letztem Dienstag gehört auch Hillary Clinton zum Club der ‚Para-Politiker‘, wie sie in Europa bereits etabliert sind: Eine der zur Zeit brisantesten Fragen für Amerika, nämlich nach den Rechten der Einwanderer, hat sie mit einem souveränen „ja, nein, vielleicht“ beantwortet. Der Gouverneur von New York hatte vorgeschlagen, auch den Einwanderen ohne Aufenthaltserlaubnis den Führerschein auszustellen, was ihm erhebliche Kritik von Seiten der Republikaner einbrachte. Im Rahmen einer Diskussion mit den drei Kandidaten für die Vorwahlen antwortete Hillary zunächst, sie könne diese Entscheidung Eliot Spitzers „nachvollziehen“. Dann, sichtlich in Bedrängnis geraten, betonte sie, sie habe sich jedoch nicht damit einverstanden erklärt. Schließlich versuchte sie auch das wieder auszubügeln und stellte fest, die Idee es sei doch nicht so schlecht. Dieses Hin und Her erinnert an Ségolène Royal während ihres Wahlkampfes. Die Kandidatin der Sozialisten hatte sich in entscheidenden Fragen, wie etwa der nach dem EU-Beitritt der Türkei, ebenfalls viel zu unentschlossen gezeigt. Zuerst votierte sie für ein Referendum in Frankreich und dann machte sie keine eindeutigen Aussagen. Kürzlich geriet auch Walter Veltroni, der neugewählte Vorsitzende der neuen Demokratischen Partei in Italien, in die Schusslinie einer Satire (von Crozza, siehe Video), weil er sich nicht entscheiden könne. Hillary, Séglène, Walter: Mit ‚Para-Politik‘ gewinnt man vielleicht die Vorwahlen, wie in Frankreich und in Italien, aber um den echten Wahlkampf für sich zu entscheiden, reicht das nicht. Leider wird Madame Royal das Hillary nicht erklären können, denn die Senatorin von New York hat ein Treffen mit der Sarkozy-Herausforderin abgelehnt – sie sei „too radical“.

04

11

2007

Das Geheimnis von Silicon Valley

This post is also available in: English French Italian

In Stanford, im Herzen von Silicon Valley, riecht es nach frisch gemähter Wiese. In diesem Mikrokosmos von 10.000 Menschen, einer richtigen kleinen Stadt mit Geschäften, Pizzerien, Erste Hilfe und Feuerwehr, ist auch das im pseudomittelalterlichen Stil erbaute Kloster mit WLAN ausgestattet: Alles atmet hier den Unternehmergeist der Standford University. Denn das Geheimnis dieses Tempels des Wissens, der schon in den sechziger Jahren Arpanet hervorgebracht, den Vorfahren des Internets, und seit den Neunzigern u.a. die Gründer von Google und You Tube ausgebildet hat, liegt in der engen Verflechtung mit den Unternehmen. Es reicht, eine Runde über den Campus zu drehen: Am schwarzen Brett finden wir Aushänge wie „Google sucht Programmierer“ und die Computerlabors sind von Intel oder Hewlett-Packard gesponsert.

Kein Vergleich zu Europa, wo sich die Zusammenarbeit von Universitäten und Unternehmen auf so genannte Orientierungsangebote beschränkt. Vielleicht mal ein un- oder unterbezahltes Praktikum, aber der Rest ist Vetternwirtschaft. Dabei ist das hier in Kalifornien kein Altruismus: Die Unternehmen investieren in Ideen und Visionen – selbst wenn das bei Projekten, die nicht unbedingt auf Gewinn ausgerichtet sind, ein gewisses Risiko bedeutet. Was zählt, ist die Idee: Das Geschäft kommt später. Auch Google ist ohne eigenes Geschäftsmodell gestartet. Und genauso probiert es jetzt ein Team unter europäischer Leitung, das an einem (noch!) geheimen Projekt arbeitet. Hier versteht man, warum die besten Köpfe abwandern – zu groß ist die Versuchung für viele Franzosen, Russen, Italiener, mit denen ich hier gesprochen habe.

Zurück in San Francisco, das mit Stanford und auch Palo Alto oder Mountain View (der Sitz von Google) über das legendäre Cable Car verbunden ist. In dieser Stadt ist es nicht nur die Erde, die häufig bebt – die Energie, die diese ehemalige Ikone der Hippiekultur mit ihren unkonventionellen Ideen antreibt, zeigt uns vor allem eines: dass hier der Fortschritt gedacht und gemacht wird.


Fotos: Mein Reiseführer und ich vor einem atemberaubenden Panorama. Unten eine Harley im Latinoviertel Mission District in San Francisco.

02

11

2007

Auf dem Lehrplan der American University: cafebabel.com

This post is also available in: English French Italian

Erster Programmpunkt: Ein Treffen an der American University mit Professor Shalini Venturelli, die aus Lucca in Italien stammt und hier die Abteilung für Internationale Kommunikation leitet. Wir unterhalten uns kurz in ihrem Büro und dann sagt sie: „Jetzt gehen wir unterrichten“. „Was heißt: wir?“, frage ich.

Wenig später stehe ich vor einem Kurs mit etwa dreißig Studenten aus der ganzen Welt und spreche über die Medien in Europa, zeige ihnen die Homepage von cafebabel.com (auch EUrotik und die Slideshow von Komikazen, die richtig Eindruck macht). Das Publikum ist ebenso interessiert wie interessant: Amerikaner, Asiaten, Europäer, ...

Danach beginnt die Professorin mit dem eigentlichen Unterricht: Es geht um die Tendenzen in der Kulturpolitik in den USA, in Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Das Beispiel USA erweist sich als besonders aufschlussreich im Vergleich zur europäischen Union: Auch für die Schule von Chicago stellte sich die Frage nach dem Gemeinschaftsgefühl in einem mulitikulturellen Land. Eine Antwort geben die Massenmedien. Kommt euch das bekannt vor?

Das Merchandising ist übrigens genial: Und das T-Shirt der ersten amerikanischen Universität, an der cafebabel.com auf dem Lehrplans steht, musste ich natürlich haben!

29

10

2007

Washington ist das Brüssel der USA: Aber hier ist auch der Schleier willkommen

This post is also available in: English French Italian

570.000 Einwohner, überschaubar, ruhig und trotzdem eine Weltstadt: Washington erinnert an Brüssel, die (Provinz-)Hauptstadt der vereinigten Staaten von Europa. Wie die USA hat es seine Institutionen in einer eher unspektakulären Stadt versammelt.





Doch schon bei der Ankunft am Flughafen wird mir klar, dass ich nicht in Europa bin, schon, weil ich über eine Stunde anstehe (Es lebe Schengen!), aber auch, weil dort ein Plakat mit der Aufschrift WELCOME die Immigranten eigens willkommen heißt. Könnt ihr euch dieses Bild in Paris (wo der Schleier in den Schulen verboten ist), in Berlin oder in Rom vorstellen? Ich habe den Eindruck – und mein einheimischer Begleiter bestätigt mir das – dass man in den USA zumindest freundlicher begrüßt wird.

Foto: Greg Gorman
Für die, die es interessiert: Hier einige Fotos.

25

10

2007

Auf nach Amerika!

This post is also available in: English French Italian

Nicht für immer natürlich. Nur um mir einmal die Leute von Google, Wikipedia, Facebook, der New York Times und all diesen Erfolgsgeschichten aus der Nähe anschauen: Vielleicht kann man dort ein paar Ideen abstauben, die cafebabel.com zugute kommen. Drei sicherlich aufregende Winterwochen im Land von Martin Luther King und George W. Bush erwarten mich - das alles dank der weitsichtigen Taktik der amerikanischen Nachkriegsregierung, die mit dem Fulbright Act erkannt hat, dass der Kalte Krieg nur gewonnen werden kann, wenn man in der ganzen Welt hearts and minds erobert. Seitdem lädt Amerika Studenten (durch das Fulbright-Stipendium) oder junge Führungskräfte ein, um ihnen vorzuführen, wie ihre Arbeitswelt mit Stars and Stripes aussehen könnte. An Initiativen wie dem International Visitor Leadership Program nehmen jedes Jahr 5.000 junge Menschen teil: Da könnte sich Europa gut und gerne eine Scheibe abschneiden. Aber dennoch ist es eine großartige Gelegenheit, deren Vermittlung ich der Babelianerin Vanessa, einer Franko-Amerikanerin, verdanke. Ein amerikanischer Diplomat, mittlerweile in Pension, wird mich als Schutzengel begleiten. Er heißt Lee, soviel kann ich schon sagen, und ich hoffe, wir werden uns verstehen. Bald werde ihn euch vorstellen.

Mein vorläufiges Programm:

  • Washington

  • San Francisco

  • Tampa, Florida

  • New York City

Wann immer ich die Möglichkeit habe, werde ich euch von meinen Begegnungen und Eindrücken berichten – ich sehe Amerika zum ersten Mal und ich bringe meine Erfahrungen aus der Eurogeneration mit, um auch dort davon zu erzählen... Also bleibt dran, wenn es wieder heißt: „Die Eurogeneration in Amerika“. Aber zuvor noch ein musikalisches Highlight, von einem, der schon weiß, wo es enden wird, wenn einer von Neapel nach Amerika zieht: Renato Carosone mit „Tu vuò fa l'americano“.

P.S.: Falls ihr Geheimtipps für diese Städte habt oder alte Freunde, die ich unbedingt von euch grüßen soll, lasst es mich wissen!

21

10

2007

Frankreich gegen England: mein erstes Rugbyspiel

This post is also available in: Italian


Bevor ich in den Genuss kam, diese Weltmeisterschaft live mitzuerleben, hielt ich Rugby für eine unspektakuläre Sportart wie Kanu, Golf oder Bogenschießen. Nicht aber für ein gesellschaftliches Event, das Millionen von Zuschauern (am Tag des Halbfinales ganze 18 Millionen allein in Frankreich) fasziniert den Atem anhalten lässt, das die Pubs füllt und die gesammelte Aufmerksamkeit der Medien beansprucht. Also habe ich mich, nachdem die Vorrunde und die Viertelfinals völlig an mir vorbeigegangen sind, von einem befreundeten französisch-englischen Paar überreden lassen, die Partie Frankreich gegen England anzuschauen. Ein Halbfinalspiel ohne besondere Vorkommnisse, aber, zum meiner großen Überraschung, ziemlich faszinierend.

Vom Fussball an dröges Gekicke zum Unentschieden gewöhnt, muss ich zugeben, dass das Spiel mit dem ovalen Ball (erinnert ihr euch an einen Gummiball Marke Supersantos?) für sich schon einen Unterhaltungswert besitzt: Aufgeblasen zu riesigen Puppen rennen die Spieler wie die Hasen und scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste diesem Ei hinterher – da gibt es keine schmerzverzerrten Blicke bei einem Streifschuss, wie sie Inzaghi so theatralisch zu interpretieren versteht.

Es hat Spass gemacht, mein erstes Rugbyspiel. Gemeinsam mit den Freunden aus Frankreich und England (vor allem er ist großer Rugbyfan), außerdem in Gesellschaft eines spanisch-amerikanischen Paares. Sie, eine Journalistin, seit kurzem erst in Paris und hier als Englandfan, genau wie er, der damit hinter dem Berg hielt, weil er die erbitterten Feindschaften zwischen den Fussballfans kannte – obwohl es das, wie mir alle bestätigten, beim Rugby nicht gäbe. Dazu kamen ein paar irische Freunde von mir aus Belfast, die natürlich auf Seiten Frankreichs standen und ein Spanier aus Sevilla, der sich die französische Trikolore auf die Backen gemalt hatte.

Wirklich eine schöne Sache, so ein Rugbyspiel. Vor allem, weil später in den Pubs die beiden Fangruppen gemeinsam feierten, ohne Maginotlinie, wie man das vom Fussball kennt. Und am Schluss, unglaublich aber wahr, sehe ich die siegreichen Engländer die unterlegenen Franzosen trösten. Wobei die, das ist in allen Sportarten so, einfach nicht verlieren können...

Foto: Manuel MC/Flickr.com

16

10

2007

[Blog action day] Wie engagiert sind wir?

This post is also available in: English French Italian


Wie engagiert ist die Jugend von heute? Immer mehr junge Leute machen die Rettung des Planeten zu ihrer Sache – doch lässt sich das vergleichen mit der Generation ihrer Eltern? Zum Blog action day, der sich in diesem Jahr Umweltfragen widmet, wollen wird dieser Frage nachgehen: Wie wichtig ist politisches Engagement, auch über den Umweltschutz hinaus?

Die NGOs verzeichnen steigende Mitgliederzahlen, auch ihre Appelle, Demos, Konzerte (wie zuletzt Live Earth) finden zunehmend Akzeptanz. Im Unterschied zur 68er Generation haben die Jugendlichen von heute ein stärker ausgeprägtes Bewusstsein für die Missstände in der Welt. Sicher, so sexy wie auf der Demonstration im Mai 68, wo man sich in revolutionärer Pose fotografieren lassen kann, (wie auf dem Foto) oder im Kreis der Blumenkinder kommt man als Volontär in Afrika oder als Freiwilliger bei einer NGO meist nicht daher. Wahrscheinlich auch nicht als Teilnehmer einer Initiative wie des Blog action day, dessen Logo ich neben die Revoluzzerikone montiert habe.

Sicher, es sieht effektvoller aus, am Boulevard Saint-Michel die Polizei mit Pflastersteinen zu bewerfen, als sich um nachhaltigen Konsum zu bemühen, den Standby-Geräten den Stecker zu ziehen oder sich für das Wahlrecht ausländischer Mitbürger einzusetzen. Ganz zu schweigen von den täglichen kleinen Gesten des Protests gegen ein überkommenes gesellschaftliches System. Aber ich denke hier - in einer anderen Dimension - auch an die verschiedenen zivilgesellschaftlichen Initiativen für eine föderale (Neu-)Ordnung Europas. Oder an Erasmus, mit dem wir den Alten Kontinent zu einem toleranten und offenen Miteinander umbauen.

Weil ich nicht glaube, dass wir die Generation X sind, die an nichts mehr außer an sich selber glaubt. Die Generation vor uns mag stärker politisiert gewesen sein als wir, was aber nicht heißt, dass sie auch engagierter war.


Postscriptum (zur Politisierung): Auf meinem Nachttisch liegt Cuori neri, ein Band von Luca Telese über die sogenannten „schwarzen“ Toten der bleiernen Jahre. Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger Jahre fielen allein in Rom über hundert Menschen dem erbitterten Kampf zwischen faschistischen und kommunistischen Fanatikern zum Opfer. Eines der am meisten umkämpften Gebiete ist das Viertel Trieste-Salario, in dem ich drei Jahre lang studiert habe. Wenn ich zurückdenke an die Abende gegenüber der Gelateria an der Piazza Trieste (und an unvergeßlichen Geschmack von Schokoladeneis mit Orangenstückchen), erinnere ich mich auch an die Parole an der Wand über der Gelateria: „Paolo vive“ ('Paolo lebt') stand da, und dahinter ein Hakenkreuz. Jetzt erst begreife ich: „Paolo“ war „Paolo Di Nella“, ein militanter Faschist und Umweltschützer (!), der hier am 9. Februar 1983 brutal erschossen wurde, als er Plakate klebte für die Erneuerung eines Stadtparks. Diese Zeit der extremen Politisierung und des brutalen Terrors ist heute vorbei. Nur diese Parole stand noch da, als ich 2000 mit Nicola dell‘Arciprete dort saß und überlegte, wie wir mit einem gemeinsamen europäischen Medium die italienische Öffentlichkeit unserer Generation aus dem Dornröschenschlaf wecken könnten. Was daraus geworden ist, lest ihr hier. Auch Schreiben kann Engagement bedeuten.

15

10

2007

Flucht nach vorne: Es gibt ein Leben nach Erasmus

This post is also available in: English Italian

Ein Gespräch mit Fiorella über den ‚Erasmus-Effekt‘: Auslandsstudium, Grenzerfahrung, Lebensphase.

Willkommen auf Eurogeneration, Fiorella. Kannst du in fünf Worten deine Erfahrungen während des Erasmusjahres zusammenfassen?

Hallo Adriano, und danke für die Einladung. Also, das Klischee ist ja: Alkohol, Sex, Party, Freunde und Unterhaltung. Aber ich denke, ein Jahr im Ausland bedeutet etwas anderes und vor allem wesentlich mehr als das: die Möglichkeit, sich auszuprobieren, sich mit anderen auseinanderzusetzen, noch einmal ein ganz neues Leben anfangen, ein reiferes und bewußteres Leben. Das sind schon mehr als fünf Worte – aber es ist auch schon zwei Jahre her, seit ich 2004/05 in Alicante war.

Hast du das Post-Erasmus-Syndrom überwunden?

Nein, eigentlich wird es mit jedem Jahr schlimmer! Nach einer ersten kritischen Phase, die unmittelbar nach der Rückkehr einsetzt, ‚normalisiert‘ sich das Gefühl, aber es begleitet dich immer. Das hat aber auch seine positiven Effekte, denn es treibt dich immer wieder an, etwas Neues zu wagen und so schaffst du den Absprung schneller als die anderen.

Was machst du zur Zeit? Gelingt es dir, dieses Leben zwischen vielen Kulturen, wie du es in Spanien kennengelernt hast, beizubehalten?

Ich bin gerade wieder einmal auf dem Sprung, diesmal hoffentlich endgültig nach Spanien oder nach Norditalien. Bis ich im Oktober abreise, arbeite ich im Bereich Grafik und Kommunikation. Dieses Jahr habe ich dank eines Projekts der Region Kampaniens (G.B. Vico) für vier Monate in einer Galerie in Madrid mitgearbeitet und dort viel dazugelernt: Es war eine weitere großartige Auslandserfahrung, ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und das Leben mit und zwischen den Kulturen auskosten können, das es zuhause ja nur in begrenzem Maße gibt – vor allem im Süden und vor allem in Cava, aber das ist eine andere Frage, das weißt du ja selbst ...

Hast du noch Kontakt zu deinen Freunden aus Alicante?

Ja, wenn auch nur phasenweise. Die Entfernungen sind zu groß, um sich regelmäßig zu sehen, aber dank Messenger, E-mail und den anderen Technologien gelingt es uns, den Kontakt zu halten.

Hast du dich mit ihnen über deine Arbeit zur „Antropologie des Erasmusprogramms“ ausgetauscht?

Nicht nur das: Sie sind auch zu meiner Diplomverteidigung gekommen! Alle in Alicante wußten, dass ich meine Arbeit zu Erasmus schreiben würde und sie haben sie alle gelesen (und zwar ganz, zu meiner großen Verwunderung!). Das Schönste war jedoch, zu sehen, wie meine Erasmusfreunde und meine Kommilitonen – die auch in anderen Städten Erasmus gemacht haben –, meine Emotion geteilt haben, als ich zum Ende der Diskussion „Tornano in mente“ von Alex Britti zitiert habe: „Momente, die ich intensiv erlebt habe, kehren besonders intenstiv auch in der Erinnerung zurück, und so sind auch alle Menschen, die ich kennengelernt habe, auf einmal wieder da. Nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass da nichts ist.“ Ich hoffe, dass ich allen Erasmusstudenten habe deutlich machen können, was ‚da noch ist‘, auch nach zwei Jahren und – das wünsche ich mir – auch später noch.

13

10

2007

Generation der "Muttersöhnchen" - aber warum?

This post is also available in: Italian

„Setzt die Muttersöhnchen endlich vor die Tür!“ Mit dieser Parole bewirbt Tommaso Padoa Schioppa, der italienische Finanzminister, sein neues Steuermodell, das junge Menschen mit Vergünstigungen dazu bewegen soll, von zu Hause auszuziehen und eine eigene Wohnung zu mieten.

Sie nennen uns „Muttersöhnchen“, Herr Minister, aber:

  • Wie viele von uns liegen wider Willen ihren Eltern auf der Tasche, weil ihnen die zur Gerontokratie mutierte italienische Gesellschaft keine Chance gibt?

  • Wie viele von uns haben nach einem meist viel zu kurzen Aufenthalt im Ausland den Absprung geschafft und sind nicht ins elterliche Nest zurückgekehrt?

  • Und wie vielen von uns gelingt es, sich in einem anderen Land über Wasser zu halten, ohne Unterstützung von zu Hause, wenn ihnen die Pizzeria, in der sie abends jobben, kündigt, weil sie nicht gleichzeitig arbeiten und fürs Examen lernen können?

Sie haben schon recht, Herr Minister, wir sind eine Generation von Muttersöhnchen, aber das ist weder unsere Schuld, noch, wie sie behaupten, die die der Achtundsechziger („zu viele Freiheiten“). Die Verantwortung trägt vielmehr eine Gesellschaft, die die über Vierzigjährigen noch wie unmündige Jugendliche behandelt, die von Korruption durchzogen ist und sich mit jedem Tag mehr gehen lässt.

12

10

2007

Tallinn, wie ihr es noch nie gesehen habt ...

This post is also available in: English French Italian

... wenn ihr schon mal da wart, in der Hauptstadt von Estland - wir waren dort und Giovanni Angioni hat uns dokumentiert: Hier seht ihr eine Handvoll Journalisten und eine Lokalredaktion von cafebabel.com bei der Arbeit. Herausgekommen ist das Tallinn-Dossier, das im September erschienen ist.

10

10

2007

Einfach ausgeschnitten: Die Türkei auf dem Euro

This post is also available in: French Italian

Gehört die Türkei nun zu Europa oder nicht? Diesmal haben die üblichen, meistens eher inhaltsleeren philosophisch-geographischen Debatten innerhalb der europäischen Instititionen immerhin zwei pdf-Dokumente produziert. Darin: ein neues Gesicht für den Euro.

Auf der einen Seite der Entwurf der Europäischen Kommission, die vorschlägt, die Türkei inklusive Anatoliens in die Europakarte einzugliedern (rechts). Auf der anderen der Vorschlag des Rates der europäischen Union, in dem die einzelnen Staaten repräsentiert sind und der das Land ganz diskret ‚unter den Tisch‘ fallen lässt (links). Wer das nicht glaubt, findet im Anhang die entsprechenden Dokumente.

Angestoßen haben die Kontroverse zwei Europaabgeordnete der Radicali Italiani, Marco Cappato und Marco Pannella, mit ihrem Antrag, antitürkische Münzen aus dem Verkehr zu ziehen. Denn auf den Euros aus den ersten Mitgliedsstaaten der EU, die wir alle in unseren Geldbeuteln haben, ist ein kleines Stück Türkei zu sehen. Auf den Münzen, die z.B. in Slovenien im Umlauf sind, das seit dem 1. Januar zu Euroland gehört, ist die Türkei hingegen verschwunden. Auf Veranlassung des Rates. Nun fordern die Radicali, diese 31 Milliarden Münzen umgehend auszutauschen. Ein kühner Plan ...

Aber, wenn wir mal vom Europa auf der Münze absehen, was sollen wir vom geplanten EU-Beitritt der Türkei halten? Noch ist nichts entschieden, die Verhandlungen gehen weiter und auch in den Foren von cafebabel.com wird heiß diskutiert. Ich kann nur sagen, dass ich während meines Erasmusjahres einen netten Jungen aus Istanbul kennengelernt habe, Dogan Mert, den ich hier grüße und von dem ich nicht behaupten könnte, dass mir seine Kultur fremder erschienen sei als zum Beispiel die deutsche oder die schwedische. Um ehrlich zu sein, er kam mir fast ein bisschen neapolitanisch vor...

Da sieht man es wieder, wie schon bei Erri De Luca zu lesen war: Die mediterrane Identität ist doch stärker als jede andere. Aber das ist ja wohl ein anderes Thema... oder?

09

10

2007

Ich komme aus Polen – muss ich deshalb als Klempner arbeiten?

This post is also available in: English French Italian

Wir treffen die Eurogeneration aus den östlichen Ländern in Paris. Agnieska kommt aus Polen und erklärt uns die absurde Situation ihrer Landsleute in Frankreich: „Wenn wir nicht arbeiten, spielt das keine Rolle. Wenn wir aber Arbeit suchen, stehen uns nur einzelne Bereiche (Gastgewerbe, Hilfsarbeiten usw.) offen. Ich habe Literatur studiert, will ich nicht als Klempner arbeiten ...“. Ähnlich geht es auch Joana, einer Rumänin. Sie sagt und: „Und wenn sie uns arbeiten lassen, dann sind die Arbeitszeiten minimal. Vollzeit gibt es für uns nicht.“

08

10

2007

Hinfahren oder Heimkommen? Das Dilemma des Migranten

This post is also available in: English French Italian


Es ist schon zum Ritual geworden. Wenn das Flugzeug hält und alle aufstehen, um ihre Sachen zusammenzusammeln, tausche ich die französische SIM-Karte mit der italienischen. Es ist, wie wenn bei internationalen Einsätzen das Kommando wechselt: Eine neue Fahne wird aufgezogen.

Da bin ich also. In Neapel, am Flughafen Capodichino. Schön, dass du wieder da bist, höre ich die Freunde sagen. Aber, wie ist das eigentlich: Fährt man hin in die Heimat oder kommt man zurück? Wir Babelianer der Eurogeneration kennen das Nomadendasein, aber in dieser Frage sind wir zwiegespalten. Die einen sehen das vernünftig: Mein Leben spielt sich jetzt in Paris ab und manchmal fahre ich nach Cava. Aber dann schleicht sich doch wieder das Gefühl des Heimkommens ein, und oft klingt das, als würde man eine Schwäche eingestehen. Als suchten wir eigentlich nach einem Ithaka, an dem wir früher oder später wieder landen wollten. Ein geheimer, ein mythischer Ort, an dem wir unsere Erinnerungen aufbewahren.

Lange habe ich darauf bestanden zu sagen: Ich fahre nach Cava, ich komme nicht heim. Fast zehn Jahre lebe ich schon nicht mehr dort. In Paris bin ich seit fünf Jahren, und langsam fühle ich mich heimisch. Also mache ich nur einen Besuch in Cava. Aber ist es wirklich dasselbe, wie wenn ich sage, ich fahre nach Tallinn oder nach Havanna? Wahrscheinlich brauchen wird dafür ein neues Verb, das erst erfunden werden muss: Es müsste ein dynamisches Verb sein, eine Art Zwitter aus Hin- und Herkommen.

P.S. Bin ich etwa der einzige, der sich diese Gedanken macht?

06

10

2007

An alle Ex-Erasmus: Erzählt uns eure Geschichte!

This post is also available in: French Italian

Erinnert ihr euch an das Gefühl? Ihr sitzt (halb dösend) in der Vorlesung, erschöpft, aber glücklich, berauscht und ein bisschen stolz, in Gedanken bei der Bekanntschaft vom letzten Abend oder einfach nur völlig verkatert, weil ihr die halbe Nacht in der Kneipe Gläser gespült habt. Es gibt viele solcher Geschichten aus der Erasmuszeit, aber wenn sie vorbei ist, rückt alles in die Ferne. Sicher, am Anfang ist das Leben grau und öde und die Depression verklärt die Erlebnisse aus dem fernen Land zu Heldentaten einer vergangenen Epoche. Aber irgendwann fangen sich (fast!) alle wieder, das habt ihr in euren Kommentaren bestätigt. Oft bereichert durch wertvolle Erfahrungen und bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen – physisch oder auch nur symbolisch.

Wir planen für die erste Novemberwoche – dann, wenn der Sommer endgültig vorbei ist (auch in Cetara, wo sich vergangenen Sonntag noch die Badegäste drängten) – ein Dossier mit den Erinnerungen der Ex-Erasmus: Geplant ist eine Bildergalerie mit vier bis fünf witzigen, kuriosen oder auch traurigen Erlebnissen aus eurer Erasmuszeit, die ihr mir schickt. Vielleicht seid ihr ja noch mit jemandem zusammen, den ihr von damals kennt. Oder sogar verheiratet. Vielleicht seid ihr dorthin zurückgekehrt oder gleich dort geblieben. Oder ihr habt seitdem den Absprung doch nicht mehr geschafft und träumt davon, wieder loszuziehen. Vielleicht habt ihr euch aber auch eine Arbeit gesucht, die euch das Erasmusgefühl nun Tag für Tag beschert?

Ihr solltet mindestens ein Semester im Erasmusaustausch gewesen sein – wo auch immer – und Lust haben, eure Geschichte mit den 400.000 Lesern von cafebabel.com zu teilen.

Ihr schickt uns ein witziges Foto von euch aus der glorreichen Erasmuszeit und eins von heute, damit wir sehen, was aus euch geworden ist … Falls ihr kein Foto habt, dafür eine um so bessere Geschichte, dürft ihr zum nächsten Punkt übergehen, aber glaubt nicht, dass ihr euch drücken könnt!

Ihr erzählt eure Geschichte mit allem, was dazu gehört – wenn ihr dabei sentimental werdet, lasst uns mitweinen! –, behandelt Namen und Daten aber so, dass wir im Rahmen des seriösen Journalismus bleiben…

Das Ganze schickt ihr an: farano[at]cafebabel.com

Jetzt ist die Eurogeneration dran! Kramt in euren Fotokisten (oder eurer Erinnerung), ruft eure Erasmusfreunde an oder fragt eure Freunde nach ihren Geschichten!

Auf dem Foto der Strand von Cetara ohne Badegäste (also wahrscheinlich im Januar aufgenommen) von Antolo/Flickr.

Als Italiener in Paris: Eurogeneration oder Arbeitsmigrant?

This post is also available in: English French Italian

Wenn Italiener ins Ausland gehen, hat das seine Gründe. Die wenigsten verlassen ihre Heimat aus purer Neugierde, weil sie die Reiselust packt oder sie neue Herausforderungen suchen. So wie die Mehrzahl der jungen Westeuropäer, die es heute dank der Mobilitätsprogramme der EU zum Studieren oder Arbeiten in die Hauptstädte des Alten Kontinents zieht.

Der Entschluss, wegzugehen, ist in Italien meist aus der Not geboren. Aus der Enttäuschung über eine korrupte, oder noch schlimmer, eine von familiären Verflechtungen dominierte Gesellschaft. Im Süden des Landes herrscht die Vetternwirtschaft nahezu unumschränkt und im Prinzip hat sie ganz Italien im Griff. Sie erinnert nicht zufällig an das, was Roberto Saviano in Gormorrha ‚das System‘ nennt: eine Gesellschaft, in der Einzelinitiativen unterdrückt und das Leistungsprinzip ignoriert werden, die ihre kreativen Köpfe zuerst unauffällig an den Rand und dann ins Abseits drängt.

Im Ausland hört man dann Geschichten von frustrierten Chirurgen, die es leid sind, auf der Wartebank zu sitzen, da „der Professor ohnehin nur seine Verwandtschaft unterrichtet“, wie mir kürzlich ein Freund erzählte. Von Journalisten, die das Gerede von mindestens zwanzig Jahren Erfahrung nicht mehr hören wollen, wenn sie in Frankreich mit 21 Jahren schon ihre erste Reportage veröffentlichen können. Von Mozzarellaverkäufern, die sich lieber in Paris als fliegender Händler verdingen, anstatt zuhause um einen Hungerlohn für mehr oder weniger ‚schmutzige‘ Jobs betteln zu müssen.

Die Gesichter, die Andrea Decovich und Valentina Maccarinelli hier eingefangen haben, erzählen zum Glück andere Geschichten. Von der Liebe zu Paris, von Träumen, die wahrgeworden sind. Und von der Leidenschaft, seinen eigenen Weg zu machen. Aber sie lassen ahnen, dass ihr eigenes Bel Paese – und Italien ist wirklich ein schönes Land! – dort, wo die Wirtschaft sich auf das Nullwachstum einpendelt und die Löhne nur ein schlechter Scherz sind, nicht mehr allzu schön sein kann...

© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org


04

10

2007

Das Interview mit Roberto Saviano

This post is also available in: English Italian

Neapolitaner unter sich, vergangene Woche in der Pariser Zentrale von Gallimard: Der Autor von Gomorrha, Roberto Saviano (rechts im Bild) aus Casal di Principe gibt mir das letzte einer Reihe von Interviews mit der französischen Presse (von Le Monde bis zum Newssender LCI). Und das einzige, das er auf Italienisch führt. Gallimard wird die französische Ausgabe von Gomorrha herausbringen und sich damit den Verlagshäusern in 29 Ländern anschließen, wo das Buch, das in Italien bei Mondadori verlegt wird, bereits erschienen oder im Erscheinen begriffen ist.

Auch eine eine Handvoll Zuhörer sind da: Eine Studentin der Sorbonne, die zum Phänomen Camorra arbeitet (links) und die erstaunlich gut Italienisch spricht. Vincent (rechts), ein Franzose, der in Bozen lebt und der bei Gallimard für die italienische Belletristik zuständig ist. Er hat auch die französische Übersetzung von Gomorrha besorgt: eine bedeutende Leistung angesichts der sprachlichen Kapriolen, die Saviano zuweilen treibt („Wer oder was ist ‚scamazzo‘?“). Außerdem Nicola Scarpelli, der das Interview für cafebabel.com aufgezeichnet hat, und Francesco Piccinini, dem wir diese Fotos verdanken, auf denen er die gedämpfte Atmosphäre des Salons in der Rue Bottin eingefangen hat.

Das Interview wird in zwei Teilen, am 8. und am 16. Oktober erscheinen. Die Buchpremiere von Gomorrha in Frankreich ist für den 18. vorgesehen.

Nord-Süd-Connection im Mittelmeer

This post is also available in: Italian

Mitten im Mittelmeer treffe ich ein bisschen Eurogeneration – in den Ferien auf Pantelleria, einer kleinen Insel auf halbem Weg zwischen Tunesien und Sizilien. In den Ortsnamen hat sie ihre arabischen Wurzeln erhalten, sie selbst ist die „Tocher des Windes“, der über den erloschenen Vulkanen und um die Nasen ihrer aufgeweckten Bewohnern weht.

Zuerst Antonio, der sich ein wenig ziert und nicht fotografiert werden will. Er verkauft am Eingang der Ortschaft Scauri Leckereien: Kapern und Linsen, bottarga di tonno und eingelegte Oliven aller Art. Die Besten sind die schwarzen mit den kandierten Orangen: Er hat sie nach Bernini benannt, „weil ich in den Lebenserinnerungen des neapolitanischen Komponisten gelesen habe, dass er sie so am liebsten mochte“. Auch wenn es nicht so aussieht, hat Antonio schon mehr im Leben gesehen als die Kapern aus Pantelleria. „Geboren bin ich in Kalabrien. Ich war bei den Kommunisten, aber nach dem Prager Frühling bin ich Sozialdemokrat geworden. Also habe ich meine Siebensachen zusammengepackt und bin nach Deutschland gegangen. Ich erinnere mich noch gut an Willy Brandt, einen echten Staatsmann; einmal bin ich nach Hamburg gefahren, um ihn zu sehen.“ Ob er Sehnsucht hat nach Deutschland? „Ja, schon ein bisschen...“, gesteht er ein. Dann sehe ich auch in seinem Wagen, zwischen Kapern und anderem, ein leicht verblichenenes deutsches Buch liegen. „Schon möglich, dass ich im Herbst beschließe zurückzukehren und dort ein kleines Importunternehmen aufbaue. Unsere Produkte sind einzigartig und begehrt. Und nur dort lässt sich auch etwas bewegen.“

Riccardo bedient den Pizzaofen. Wenn auch nur diesen einen wunderbaren Abend lang, an dem wir zusammen mit Freunden und den Feriengästen des Palazzetto di Karuscia, in einer anderen Gegend von Pantelleria, Pizza backen. Ehrlich gesagt haben wir uns weniger mit dem Pizzateig beschäftigt, dafür mehr mit dem Pizzabäcker geplaudert. Der ist eigentlich Doktorand in Holland: „In Luftfahrttechnik. Nach dem Studium habe ich überlegt, was ich machen soll. Und mir ist klar geworden, dass Europa ganz andere Bedingungen bietet als Italien. Das Forschungszentrum in Holland, bei dem ich arbeite, funktioniert so effizient wie ein Unternehmen, mein Chef verwaltet sein Budget wie ein Manager. Wenn ich für meine Untersuchungen ein neues Gerät brauche, gehe ich in sein Büro und frage ihn direkt. Und wenn genügend Geld da ist, habe ich in ein paar Wochen den Apparat. Und was die Forschungsmittel angeht, das ist kein Vergleich zu dem, was es in Italien gibt... Von einem Stipendium kann man gut leben und bekommt auch noch Zuschüsse. Mir hat die Universität sogar meine Möbel bezahlt!“

Die Post-Erasmus-Depression

This post is also available in: English French Italian

Wieder ist September. Reisezeit für die 400.000 europäischen Studenten, die für ein Erasmusjahr in einer von Hunderten Universitätsstädten ihre Zelte aufschlagen werden. Gleichzeitig ist es aber auch die triste Zeit der Rückkehr (zur Routine) für die etwa 350.000, die mit dem vergangenen Studienjahr unvergleichliche Erfahrungen gemacht haben, die meistens ihr Leben verändern werden. Zumindest für ein weiteres Jahr (oder ein Semester). Denn nun heißt es, die alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen und dann ist sie da, die ‚Post-Erasmus-Depression‘.

Gibt man den Ausdruck bei Google ein, erscheint keine einzige psychologische Seite (nicht einmal eine pseudopsychologische). Dafür bin ich bei der Suche auf die intelligente Diplomarbeit von Fiorella de Nicola gestoßen, Die Antropologie des Erasmusprogramms. Wie es der Zufall will, stammt Fiorella – die ihr Erasmusjahr 2004/05 in Alicante verbracht hat – aus demselben Ort wie ich, aus Cava de‘ Tirreni. (Ich habe mir einn Spaß erlaubt und die beiden Städte zu einer Collage zusammengefügt. So schön die unsere ist, aber ob Fiorella dieselben Erkenntnisse gewonnen hätte, wenn sie nach Helsinki gefahren wäre?)

Foto: Pedro Prats Michael Khoo/Flickr.com

In jedem Fall gelingt ihr ein äußerst scharfsinniges Bild des Seelenlebens der Erasmusstudenten in den letzten Tagen ihres Aufenthalts:

 „Noch wissen sie nicht, dass sie zuhause das ‚Post-Erasmus-Syndrom‘ erwartet. Wie grässlich ihnen alles erscheinen wird, die Stadt eiskalt (oder unerträglich heiß), die Universität unglaublich langweilig, das Fernsehprogramm unendlich öde, die Freunde stessig – es steht ihnen eine Riesendepression bevor, von den Ausmaßen eines Hochhauses in Kuala Lumpur. Alles, was nicht Erasmus ist, erregt ihre Abscheu. So erleben es alle, wenngleich in unterschiedlicher Intensität und Dauer. Und da ein Syndrom einen Übergangszustand bezeichnet, kann, besser: muss dieser sogar eine Weile andauern. Aber genauso muss er auch sein Ende haben, um nicht in Melancholie überzugehen.“

Überzeugend ist auch, was sie über den veränderten Begriff von Identität schreibt:

„Alles in allem handelt es sich um eine Erfahrung der ‚Entfremdung‘, der Heimatlosigkeit. Und dies nicht, weil wir keine Heimat hätten (so pathetisch das klingen mag). Sondern weil es nunmehr zwei Heimaten sind – oder zumindest mehr als eine: unsere eigentliche, in der wir geboren und aufgewachsen sind. Und die, die uns für ein oder zwei Semester ‚adoptiert‘ hat und die auch die Heimat unserer Freunde ist: Deutsche, Franzosen, Portugiesen, Mexikaner, Engländer, Skandinaven, Amerikaner, Kanadier – in Alicante hatten wir unser gemeinsames Zuhause. Und so sind auch, auf eine sonderbare Weise, ihre Heimat, ihre Kultur und ihre Freunde zu einem Teil unserer selbst geworden. Das Gerede von europäischer Identität ist also nicht nur Gerede.“

Ist da was dran? Und wie kommt man aus der ‚Post-Erasmus-Depression‘ wieder heraus? Das ist eine Frage für Eurogeneration. Die Diskussion ist eröffnet.

So sehen wir das: die Eurogeneration

This post is also available in: English French Italian

Sie ist ein Kind des Erasmusprogramms, des Interrail und der Rucksackreisen. Vielleicht hat sie sich auch nur eine Neugier homerischer Tradition zu eigen gemacht (remixed by Radiohead, please). Sie lässt sich von der Vielfalt begeistern und bleiben ihren Wurzeln treu. Mit ihrer (mentalen) Software hat sie die Ländergrenzen längst aufgehoben. Sie sagt von sich, sie spreche mehr als eine Sprache - von fremden Sprachen ist keine Rede mehr. Manch eine(r) hat auch im Bett schon eine andere als die Muttersprache benutzt. Weil man sich dann besser versteht. Und weil man sich besser durchsetzen kann. Ihr erstes Gehalt bekam sie in Euro. Und wenn nicht, so genießt sie es zumindest, das Pint in Dublin und das Couscous in Paris mit derselben Münze zu bezahlen – auch wenn die immer teurer wird. Sie reist ohne Pass und weiß, noch immer leben andere ganz ohne Papiere.

Sie will sich austauschen, Eurogeneration mit Eurogeneration. Diskutieren und träumen von dem Europa, das sie sich wünscht - und das sie gerade aufbaut. On the ground.

Von diesem Europa, dem Europa der ersten Eurogeneration, will dieses Blog erzählen. Es will Eindrücke und Ideen sammeln und den neuen Weg des Alten Kontinents mit einem kritischen Blick begleiten. Das alles in der entspannten Atmosphäre eines Cafés, s'il vous plaît.


Übersetzung: Laura Wilfinger

page 2 of 2 -