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eurogeneration

Das Europa einer neuen Generation

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Cava de' Tirreni { Keyword }

15

10

2007

Flucht nach vorne: Es gibt ein Leben nach Erasmus

Ein Gespräch mit Fiorella über den ‚Erasmus-Effekt‘: Auslandsstudium, Grenzerfahrung, Lebensphase.

Willkommen auf Eurogeneration, Fiorella. Kannst du in fünf Worten deine Erfahrungen während des Erasmusjahres zusammenfassen?

Hallo Adriano, und danke für die Einladung. Also, das Klischee ist ja: Alkohol, Sex, Party, Freunde und Unterhaltung. Aber ich denke, ein Jahr im Ausland bedeutet etwas anderes und vor allem wesentlich mehr als das: die Möglichkeit, sich auszuprobieren, sich mit anderen auseinanderzusetzen, noch einmal ein ganz neues Leben anfangen, ein reiferes und bewußteres Leben. Das sind schon mehr als fünf Worte – aber es ist auch schon zwei Jahre her, seit ich 2004/05 in Alicante war.

Hast du das Post-Erasmus-Syndrom überwunden?

Nein, eigentlich wird es mit jedem Jahr schlimmer! Nach einer ersten kritischen Phase, die unmittelbar nach der Rückkehr einsetzt, ‚normalisiert‘ sich das Gefühl, aber es begleitet dich immer. Das hat aber auch seine positiven Effekte, denn es treibt dich immer wieder an, etwas Neues zu wagen und so schaffst du den Absprung schneller als die anderen.

Was machst du zur Zeit? Gelingt es dir, dieses Leben zwischen vielen Kulturen, wie du es in Spanien kennengelernt hast, beizubehalten?

Ich bin gerade wieder einmal auf dem Sprung, diesmal hoffentlich endgültig nach Spanien oder nach Norditalien. Bis ich im Oktober abreise, arbeite ich im Bereich Grafik und Kommunikation. Dieses Jahr habe ich dank eines Projekts der Region Kampaniens (G.B. Vico) für vier Monate in einer Galerie in Madrid mitgearbeitet und dort viel dazugelernt: Es war eine weitere großartige Auslandserfahrung, ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und das Leben mit und zwischen den Kulturen auskosten können, das es zuhause ja nur in begrenzem Maße gibt – vor allem im Süden und vor allem in Cava, aber das ist eine andere Frage, das weißt du ja selbst ...

Hast du noch Kontakt zu deinen Freunden aus Alicante?

Ja, wenn auch nur phasenweise. Die Entfernungen sind zu groß, um sich regelmäßig zu sehen, aber dank Messenger, E-mail und den anderen Technologien gelingt es uns, den Kontakt zu halten.

Hast du dich mit ihnen über deine Arbeit zur „Antropologie des Erasmusprogramms“ ausgetauscht?

Nicht nur das: Sie sind auch zu meiner Diplomverteidigung gekommen! Alle in Alicante wußten, dass ich meine Arbeit zu Erasmus schreiben würde und sie haben sie alle gelesen (und zwar ganz, zu meiner großen Verwunderung!). Das Schönste war jedoch, zu sehen, wie meine Erasmusfreunde und meine Kommilitonen – die auch in anderen Städten Erasmus gemacht haben –, meine Emotion geteilt haben, als ich zum Ende der Diskussion „Tornano in mente“ von Alex Britti zitiert habe: „Momente, die ich intensiv erlebt habe, kehren besonders intenstiv auch in der Erinnerung zurück, und so sind auch alle Menschen, die ich kennengelernt habe, auf einmal wieder da. Nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass da nichts ist.“ Ich hoffe, dass ich allen Erasmusstudenten habe deutlich machen können, was ‚da noch ist‘, auch nach zwei Jahren und – das wünsche ich mir – auch später noch.

04

10

2007

Die Post-Erasmus-Depression

Wieder ist September. Reisezeit für die 400.000 europäischen Studenten, die für ein Erasmusjahr in einer von Hunderten Universitätsstädten ihre Zelte aufschlagen werden. Gleichzeitig ist es aber auch die triste Zeit der Rückkehr (zur Routine) für die etwa 350.000, die mit dem vergangenen Studienjahr unvergleichliche Erfahrungen gemacht haben, die meistens ihr Leben verändern werden. Zumindest für ein weiteres Jahr (oder ein Semester). Denn nun heißt es, die alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen und dann ist sie da, die ‚Post-Erasmus-Depression‘.

Gibt man den Ausdruck bei Google ein, erscheint keine einzige psychologische Seite (nicht einmal eine pseudopsychologische). Dafür bin ich bei der Suche auf die intelligente Diplomarbeit von Fiorella de Nicola gestoßen, Die Antropologie des Erasmusprogramms. Wie es der Zufall will, stammt Fiorella – die ihr Erasmusjahr 2004/05 in Alicante verbracht hat – aus demselben Ort wie ich, aus Cava de‘ Tirreni. (Ich habe mir einn Spaß erlaubt und die beiden Städte zu einer Collage zusammengefügt. So schön die unsere ist, aber ob Fiorella dieselben Erkenntnisse gewonnen hätte, wenn sie nach Helsinki gefahren wäre?)

Foto: Pedro Prats Michael Khoo/Flickr.com

In jedem Fall gelingt ihr ein äußerst scharfsinniges Bild des Seelenlebens der Erasmusstudenten in den letzten Tagen ihres Aufenthalts:

 „Noch wissen sie nicht, dass sie zuhause das ‚Post-Erasmus-Syndrom‘ erwartet. Wie grässlich ihnen alles erscheinen wird, die Stadt eiskalt (oder unerträglich heiß), die Universität unglaublich langweilig, das Fernsehprogramm unendlich öde, die Freunde stessig – es steht ihnen eine Riesendepression bevor, von den Ausmaßen eines Hochhauses in Kuala Lumpur. Alles, was nicht Erasmus ist, erregt ihre Abscheu. So erleben es alle, wenngleich in unterschiedlicher Intensität und Dauer. Und da ein Syndrom einen Übergangszustand bezeichnet, kann, besser: muss dieser sogar eine Weile andauern. Aber genauso muss er auch sein Ende haben, um nicht in Melancholie überzugehen.“

Überzeugend ist auch, was sie über den veränderten Begriff von Identität schreibt:

„Alles in allem handelt es sich um eine Erfahrung der ‚Entfremdung‘, der Heimatlosigkeit. Und dies nicht, weil wir keine Heimat hätten (so pathetisch das klingen mag). Sondern weil es nunmehr zwei Heimaten sind – oder zumindest mehr als eine: unsere eigentliche, in der wir geboren und aufgewachsen sind. Und die, die uns für ein oder zwei Semester ‚adoptiert‘ hat und die auch die Heimat unserer Freunde ist: Deutsche, Franzosen, Portugiesen, Mexikaner, Engländer, Skandinaven, Amerikaner, Kanadier – in Alicante hatten wir unser gemeinsames Zuhause. Und so sind auch, auf eine sonderbare Weise, ihre Heimat, ihre Kultur und ihre Freunde zu einem Teil unserer selbst geworden. Das Gerede von europäischer Identität ist also nicht nur Gerede.“

Ist da was dran? Und wie kommt man aus der ‚Post-Erasmus-Depression‘ wieder heraus? Das ist eine Frage für Eurogeneration. Die Diskussion ist eröffnet.