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eurogeneration

Das Europa einer neuen Generation

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Paris { Keyword }

12

01

2008

Der Pizzabäcker und sein Pass oder: Die Mission der E-Migranten

Seit 1970 arbeitet Massimo in Paris als Pizzabäcker. Damals musste er noch jedes Mal seinen Pass vorlegen, wenn er zwischen Italien und Frankreich hin- und herfuhr. Genauer: um ein- und wieder auszureisen. Denn das war immer eine aufwändige Sache, nicht so wie heute. Für Massimo aber scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. „Nach Neapel? Da fahre ich alle zwei oder drei Jahre mal wieder hin. Aber länger als eine Woche halte ich es da nicht aus. Das letzte Mal habe ich niemanden mehr getroffen, alle Straßen in den Quartieri Spagnoli waren verwaist. Dann habe ich gehört, dass sie alle verhaftet worden sind.“

Das mag ein eher extremer Fall sein, aber dennoch: Für viele Einwanderer und Gastarbeiter scheint es, als hätte es Reisefreiheit, Schengen, der Euro, Billigflüge, Hochgeschwindigkeitszüge, Skype – also etwa zwanzig Jahre Eurevolution und Globalisierung – überhaupt nicht gegeben. Dass jemand, ob aus Lust und Laune oder aus Notwendigkeit, einfach woanders hinzieht, spontan verreist oder sich auf die E-Migration beschränkt, damit können sie nichts anfangen. E-Migranten, ja, das passt auf uns: Heute, wo das „e“ zur „E-Mail“ passt und das lateinische „ex“ in Vergessenheit geraten lässt.

Aber zurück zu Massimo. Während er, ganz traditionell, seine Pizza zubereitet (auch wenn die Mozzarella aus Frankreich kommt), trällert er neapolitanische Schlager aus den Fünfziger Jahren – und das mit der herzerweichenden Leidenschaft einer Laura Pausini zu ihren besten Zeiten („Marco se n‘è andato...“) sowie eines Eros Ramazzotti mit dem unvermeidlichen Dauerschnupfen („Ed ho imparaaatoo che nella vitaaaa...“). Trotzdem schleicht sich ab und zu ein französisches Wort dazwischen und es entsteht ein Gemisch, ähnlich dem wenig appetitlichen seiner geschmacklosen Tomatenpampe mit den traurigen, essigtriefenden Artischocken, die er eben aus einer Schachtel aus Wer-weiß-wo fischt. Zu Weihnachten hat mir mein Vater ein italienisches Wörterbuch geschenkt, weil er der Meinung ist, ich hätte mein Italienisch verlernt. Dabei macht er Fehler, die weit gravierender sind die von uns E-Migranten – aus Rache dafür lade ich dich bei deinem nächsten Besuch zu Chez Massimò ein, Papa.

Und wenn Massimo mal in der community von cafebabel.com vorbeischauen würde oder auf corriere.it? Wenn er das Festival von Sanremo verfolgen würde (auch wenn das eine ziemlich deprimierende Angelegenheit ist) oder sich wenigstens einen Wochenendtrip nach Venedig leistet, damit er Italien einmal von einer anderen Seite sieht? Wäre das nichts? Wenn alle Gastarbeiter – auch die Spanier in Frankreich, die Portugiesen oder die Türken in Deutschland – sich der europäischen Dimension ihrer Existenz bewusst würden, könnte die Eurogeneration einen wichtigen Verbündeten gewinnen für ihre Mission: einen modus pensandi von europäischem, ja babelischem Ausmaß durchzusetzen.

Also, liebe Leser von Eurogeneration, liebe E- und Ex-Migranten, wenn ihr das nächste Mal jemanden wie Massimo trefft: Erklärt ihm, dass die Welt sich verändert hat und dass eine bunte Mischung besser schmeckt als der alte Einheitsbrei.

P.S. Da fällt mir wieder ein ganz anderer Pizzabäcker ein...

Anmerkung: Die Namen Massimo und Chez Massimò habe ich erfunden.

Fotos: Veronica ArtMusic

09

10

2007

Ich komme aus Polen – muss ich deshalb als Klempner arbeiten?

Wir treffen die Eurogeneration aus den östlichen Ländern in Paris. Agnieska kommt aus Polen und erklärt uns die absurde Situation ihrer Landsleute in Frankreich: „Wenn wir nicht arbeiten, spielt das keine Rolle. Wenn wir aber Arbeit suchen, stehen uns nur einzelne Bereiche (Gastgewerbe, Hilfsarbeiten usw.) offen. Ich habe Literatur studiert, will ich nicht als Klempner arbeiten ...“. Ähnlich geht es auch Joana, einer Rumänin. Sie sagt und: „Und wenn sie uns arbeiten lassen, dann sind die Arbeitszeiten minimal. Vollzeit gibt es für uns nicht.“

06

10

2007

Als Italiener in Paris: Eurogeneration oder Arbeitsmigrant?

Wenn Italiener ins Ausland gehen, hat das seine Gründe. Die wenigsten verlassen ihre Heimat aus purer Neugierde, weil sie die Reiselust packt oder sie neue Herausforderungen suchen. So wie die Mehrzahl der jungen Westeuropäer, die es heute dank der Mobilitätsprogramme der EU zum Studieren oder Arbeiten in die Hauptstädte des Alten Kontinents zieht.

Der Entschluss, wegzugehen, ist in Italien meist aus der Not geboren. Aus der Enttäuschung über eine korrupte, oder noch schlimmer, eine von familiären Verflechtungen dominierte Gesellschaft. Im Süden des Landes herrscht die Vetternwirtschaft nahezu unumschränkt und im Prinzip hat sie ganz Italien im Griff. Sie erinnert nicht zufällig an das, was Roberto Saviano in Gormorrha ‚das System‘ nennt: eine Gesellschaft, in der Einzelinitiativen unterdrückt und das Leistungsprinzip ignoriert werden, die ihre kreativen Köpfe zuerst unauffällig an den Rand und dann ins Abseits drängt.

Im Ausland hört man dann Geschichten von frustrierten Chirurgen, die es leid sind, auf der Wartebank zu sitzen, da „der Professor ohnehin nur seine Verwandtschaft unterrichtet“, wie mir kürzlich ein Freund erzählte. Von Journalisten, die das Gerede von mindestens zwanzig Jahren Erfahrung nicht mehr hören wollen, wenn sie in Frankreich mit 21 Jahren schon ihre erste Reportage veröffentlichen können. Von Mozzarellaverkäufern, die sich lieber in Paris als fliegender Händler verdingen, anstatt zuhause um einen Hungerlohn für mehr oder weniger ‚schmutzige‘ Jobs betteln zu müssen.

Die Gesichter, die Andrea Decovich und Valentina Maccarinelli hier eingefangen haben, erzählen zum Glück andere Geschichten. Von der Liebe zu Paris, von Träumen, die wahrgeworden sind. Und von der Leidenschaft, seinen eigenen Weg zu machen. Aber sie lassen ahnen, dass ihr eigenes Bel Paese – und Italien ist wirklich ein schönes Land! – dort, wo die Wirtschaft sich auf das Nullwachstum einpendelt und die Löhne nur ein schlechter Scherz sind, nicht mehr allzu schön sein kann...

© 2007 Decovich&Maccarinelli/ PhotoCast.org



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