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Das Europa einer neuen Generation

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30

03

2008

Die Post-Erasmus-Depression: Wer sie kennt, wird sie zu vermeiden wissen

In dieser Woche steht Eurogeneration Rede und Antwort in der Radiosendung „In Europa“ auf Radio Uno. In dem Gespräch mit Tiziana Di Simone geht es um die Post-Erasmus-Depression, zu der wir schon mehrere Beiträge veröffentlicht haben, nämlich:

Außerdem will ich Euch hier auf eine Reportage von Prune Antoine hinweisen, meiner französischen Kollegin – Kommentare sind, wie immer, erwünscht!

Das Post-Erasmus-Syndrom: Droht die Depression?

Erasmus = Party + Flirts non stop, und das alles in einem anderen Land. Doch wieder ‚zu Hause‘ verfallen viele Studenten in eine Art Depression, eine Mischung aus Nostalgie und Apathie. Heißt das, die Zeit der Unschuld ist vorbei?

„Wer kennt das nicht, nach dem Ende der Erasmuszeit, dass einem das Leben zu Hause trist, die Heimatstadt hässlich, die Uni langweilig, das Fernsehprogramm öde und selbst die Freunde nervig erscheinen?“ So sagt Fiorella de Nicola, die ihre Abschlussarbeit im Fach Soziologie zur Anthropologie des Erasmusstudenten verfasst hat. Was sie über das „Post-Erasmus-Syndrom“ herausgefunden hat, spricht für sich.

Schwierige Landung

„Das Auslandsjahr ist eine sehr intensive Zeit, voller neuer Erfahrungen und Begegnungen, und gibt einem das Gefühl, ein bisschen „besonders“ zu sein“, so erklärt Aurélie aus Orléans, die längere Zeit in Newcastle gelebt hat. „Wieder zu Hause sieht alles viel zu einfach und langweilig aus, es fehlt das Neue, das einen die gesamte Erasmuszeit über begleitet hat.“ Juliane, die zum Sprachenstudium in Glasgow gewesen ist, ergänzt: „Wir kommen zurück und alles ist genau gleichgeblieben. Aber wir haben uns komplett verändet.“

Im Jahr 2007 kann das Erasmusprogramm, das bekannteste Austauschprogramm für Studenten in der EU, auf zwanzig erfolgreiche Jahre zurückblicken. Eineinhalb Millionen Studenten sind losgezogen in ein anderes Land, die teilnehmenden Universitäten finden sich in allen Ecken und Enden des Kontinents und endlich funktioniert auch die Anrechnung der Studienleistungen innerhalb Europas. Ein einziger, eher negative Aspekt taucht in der offiziellen Statistik jedoch nicht auf: Ist die „Zeit der Wunder“ einmal vorbei, fällt ein Großteil der Studenten in ein emotionales Loch. So mancher entzweit sich mit den Freunden von damals, weil diese die Erfahrungen oder auch das idealisierte Bild des jeweils anderen Landes nicht teilen können oder wollen. Diese Schwierigkeiten, wieder im Alltag zu landen, nach einem Jahr dolce vita zwischen Fiesta und Wodka, führen in einzelnen Fällen zu ernstzunehmenden Depressionen.

„Wegfahren ist leichter als zurückkehren“

„Erasmus stellt heute eine Art Initiationsritus dar,“ bestätigt Christophe Allanic, klinischer Psychologe und Spezialist für Auslandserfahrungen. „Die Heimatstadt und die Eltern zu verlassen und sich in einer fremden Umgebung, mit anderen, zurechtfinden zu müssen, ist eine Probe“. Und wenn man diese bestanden hat, steht mit der Rückkehr eine weitere bevor. „Wegzufahern ist wesentlich leichter als zurückzukehren“, warnt Allanic.

„Wer einmal unabhängig war, kehrt nicht so leicht ins Nest zurück“, sagt Domenico, 28 Jahre, Präsident der Studentenorganisation „Planeterasmus“. „Am schlimmsten ist es für diejenigen, die in einer kleinen Stadt leben und vorher noch nie weg von Zuhause waren“, fügt er hinzu. Dann ist erst einmal Schluss mit „Tiramisù-, Tortilla- und Quiche-Lorraine-Abenden“, mit alkoholgetränkten Diskussionen auf Polnisch oder Italienisch, mit Wohnen im Stil der Auberge Espagnole!

„Man muss sich wieder an die Normalität gewöhnen“, sagt Mina, 21 Jahre. Das heißt auch, dass die Entschuldigung wegen Sprachschwierigkeiten nicht mehr zählt, dass man eben nicht mehr einfach „anders“ ist, keine exotische Seltenheit mehr, sondern einer wie jeder andere.

Fremd in der Heimat

Werden die Studenten mit dieser deprimierenden Erfahrung alleine gelassen, fühlen sie sich oft fremd in ihrem eigenen Land und manchmal sogar innerhalb ihrer Familie, die die Bedeutung des Auslandsjahres nicht in dem Maße begreifen kann. „Wie soll ich eine so intensive Erfahrung in ein paar Sätzen beschreiben?“ fragt Pauline, 21 Jahre, von denen sie eines in Irland verbracht hat. Unterstützung erhalten viele Studenten von Organisationen für Ex-Erasmus, die „International Partys“ veranstalten oder sich gleich als ‚Euro-Paar‘ zu versuchen. Das alles in der Hoffnung, die goldene Zeit wiederzubeleben. Agnieszka Elzbieta Dabek, die Generalsekretärin des Erasmus Student Network (ESN), bestätigt: „Viele ehemalige Erasmus melden sich bei uns, um ihre Erfahrungen weiterzugeben oder internationale Treffen zu veranstalten. Sie versuchen damit, ihr persönliches Erasmusgefühl am Leben zu erhalten“. Domenico hält es für „illusorisch“, hier auf Gemeinsamkeiten zwischen Ex-Erasmus und Erasmus-Neulingen zu spekulieren. „Am Ende bleiben die ausländischen Teilnehmer in ihrer eigenen Gruppe, anstatt sich mit den Einheimischen auszutauschen.“

Trotzdem ist diese Art der „Trauerarbeit“, zwischen Depression und Idealisierung „absolut normal“, meint Allanic. Zumindest wenn sie nicht länger als einige Wochen dauert. In Wirklichkeit zeigen diese sentimentalen Phasen den Übergang ins Erwachsenenleben an und damit den Verlust eines kindlichen Ideals. „Alles ist darauf ausgerichtet, die jungen Menschen in Europa zu einem Auslandsaufenthalt zu ermutigen, das ist bestens organisiert. Aber an das „Danach“ hat keiner gedacht“, kritisiert Allanic. Hier sind die Universitäten gefragt: Sie sollen sich um die Rückkehr ihrer Studenten kümmern, sie auch in diesen Übergangsphasen begleiten, „ohne die die Erfahrung auch in einer Katastrophe enden kann. Schließlich sind es die Erwachsenen, die den Jungen beim Erwachsenwerden helfen sollen.“

01

03

2008

Erasmus in Budapest: Tipps und Tricks

Eurogeneration präsentiert: den „Erasmus City-Guide“! In unserer neuen Reihe zeigen wir Euch die schönsten Städte Europas – aus der Perspektive derer, die sie als Erasmusstudenten kennen gelernt haben. Ihre Darstellung erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll mehr ein kurzer Erfahrungsbericht sein, den Ihr kommentieren oder ergänzen könnt.

Diese Woche zeigt uns Roberto Yanguas sein Budapest, wo er vor zwei Jahren sein Erasmusjahr verbracht hat.

Wohnungssuche: Wohnungsvermittlung

Wenn man die Sprache nicht kann, ist das wahrscheinlich das größte Problem. Da es in Budapest selbst nur wenige Studentenwohnheime gibt, sollte man sich hier an eine Wohnungsvermittlung wenden.

Budapest besteht aus den Stadteilen Buda und Pest, die in mehrere Bezirke unterteilt sind. Ich wohne im sechsten Bezirk, der neben dem fünften und dem siebten zum Wohnen am besten ist. Der achte Bezirk ist gefährlich, den sollte man meiden. Überhaupt gilt: Wenn Ihr als Erasmus da seid, ist Pest besser als Buda.

An der Universität: Nur nicht zuviel studieren

Ich habe Jura studiert, an der Peter Pazmany University. Die Kurse wurden alle auf Englisch gehalten, wobei die Profs die Sprache unterschiedlich gut beherrschen. Wer als Erasmusstudent nicht unbedingt viel studieren will, ist hier gut aufgehoben: Meistens muss man nur eine kleine schriftliche Arbeit abgeben. Prüfungen gibt es fast gar nicht – ich habe gerade mal eine gemacht.

Die Sporthallen sind geschlossen, aber bei schönem Wetter kann man auf Margherite Island gut draußen kicken.

Die drei besten Adressen

Ein Bier mit Freunden im Szimpla (mein Lieblingslokal). Man kann es schlecht beschreiben ... Es ist dekadent, alt und schmutzig – aber mir gefällt‘s.

Zur Erholung in die Therme von Szechenyi. Einen ganzen Tag lang Sauna, Whirlpool und Dampfbad für 8 EUR. Danach fühlt man sich wie neu geboren!

Nicht verpassen: Ristorante Paprika (in der Nähe von Szechenyi) oder Stex Haza. Ich empfehle Gulaschsuppe und Hühnerbrust mit drei Sorten Käse. Oder eben Schweinekotelett Carpatian style. Unglaublich lecker!

Abends: Tischfußball und eine Verabredung mit der Polizei

Die Erasmusstudenten gehen immer in Morrison‘s Pub in der Nähe der Oper - dort ist Mittwochs Karaoke, das lieben die Ungarn - oder ins Old Man‘s Pub (in der Nähe der Erszebet körut und vom Szimpla). Dann gibt es noch das Szoda, das Sark, ... Passt auf Eure Klamotten auf: Die verschwinden manchmal auf mysteriöse Weise.

Die Erasmuspartys finden meistens zuhause statt. Am besten ruft man vor der Party bei der Polizei an und gibt Bescheid. Dann haben die Nachbarn später nichts zu sagen: War alles angemeldet.

Die Ungarn sind verrückt auf Tischfußball: Einfach eine Münze auf den Tisch legen und warten, bis Du dran bist. Der Gewinner bleibt übrig.

Mit Drogen muss man aufpassen, das gibt Probleme mit der Polizei. Gilt für Kokain wie auch für Haschisch.

Fazit

Eine großartige Erfahrung, die ich auf jeden Fall empfehlen kann!


Kennst Du Budapest anders? Oder hast Du eine Frage an Roberto? Wer will, kann auch einen Blick auf den Budapest-Babelblog werfen. In der nächsten Woche geht es nach Portsmouth, England.

11

02

2008

Mark Lenders, Wau wau und die Küsschen

Die Frage des Tages: Wenn sich Babelianer im Ausland über sogenannte „kulturelle“ Differenzen austauschen – welche sind ihre Lieblingsthemen? Hier die Top Five der beliebtesten Sujets – nicht ohne eine Prise Selbstironie, versteht sich:

1. Zeichentrickfilme

Aus der Reihe: „Japan vereint Europa“. „Holly e Benji“ in Italien, in Frankreich bekannt als „Olive et Tom“, in Deutschland einfach „Die tollen Fußballstars“ – Fußball und kein Ende. Das aufregende Auf und Ab während des Spiels. Die Derrick-Zwillinge mit ihren Hasenzähnen. Mark Lenders mit den aufgekrempelten Ärmeln als ‚Retter der Gerechten‘. Ach ja, wie war es schön...

2. Tiergeräusche

Es ist doch immer wieder amüsant, festzustellen, dass der Hund in Deutschland „Wau, wau!“ und in Frankreich „Ouaf, ouaf!“ macht.

3. Begrüßungsrituale

Die Franzosen geben sich Küsschen, aber nur jeweils Frauen untereinander und die Männer untereinander. Bei Italiener wird hingegen nur ‚geküsst‘, wenn man sich kennt, und dann erst links und dann rechts (Verwechslungen führen da immer wieder zu peinlichen ‚Zusammenstößen‘ ...). In Genf sind es immer drei Küsschen. In Deutschland tut es meist auch ein kumpelhafter Schlag auf die Schulter...

4. Wann wird gegessen?

Die Spanier essen erst um drei zu Mittag. Die Mailänder um halb eins. Die Neapolitaner um zwei.

5. Regierungssysteme

Kann sein, dass du als Spanier die diversen (Un-)Abhängigkeitsverhältnisse im Parlament selbst nicht ganz durchschaust. Kann sein, dass du als Franzose die „Demonarchie“ mit ihrem „Präsendentenkönig“ als nationale Spezialität erkennen musst. Kann sein, dass während deines Erasmusjahrs zuhause die „Kise“ anbricht und du dich auf einmal für das Parteienchaos und den Auftritt von Clemente Mastella verantworten sollst.

Immer dasselbe? Kann schon sein. Aber wer lässt sich schon den Spaß entgehen, mit dem Rest Guinness auf den Lippen von Mark Lenders zu schwärmen und dabei die Reihenfolge der Küsschen zu verwechseln?

03

02

2008

Fünf Lektionen für die Erasmusstudenten von morgen

Viele Tausend Studentinnen und Studenten aus ganz Europa sind wieder zu neuen Ufern aufgebrochen: in eine andere Stadt in einem anderen Land, wo sie ein Erasmus-Semester verbringen werden. Eurogeneration gibt ihnen – oder Euch! – ein paar Tipps mit, damit dieser Aufenhalt nicht nur erfolgreich, sondern auch unvergesslich sein wird! (So wie mein Erasmus-Jahr in Strasburg - wo wir uns die Lektionen der Firma Aubade auch nicht haben entgehen lassen.)

Erste Lektion

Integriert Euch...

In Rom nannte man sie die spanische Mafia. Gemeint waren diese Horden von Spaniern, die am Samstag Abend durch die Stadt irren und nie eine Kneipe finden, in die alle hineinpassen. Meist endete das Ganze in einem altbekannten Botellón – es gibt Tortilla und am Ende liegen alle mit vollem Bauch in der Ecke. Ich kenne mich da aus, denn ich war einmal als einziger Italiener mit einer dieser Gruppen im Rom unterwegs. Bitte, Leute, so nicht. Auch die Italiener, stolz wie sie sind auf die Fettuccine della Mamma, neigen übrigens zum Tortilla-Syndrom.

Um die Leute vor Ort kennenzulernen

  • sucht Euch eine Wohnung, die Ihr mit einheimischen Studenten teilt,
  • geht zum Uni-Sport
  • oder eben an die Uni...

Zweite Lektion

... behaltet ruhig Euren Akzent.

Integration heißt nicht: Assimilation. Ihr müsst die Landessprache nicht akzentfrei beherrschen. Übertriebene Anpassung wirkt oft sogar lächerlich. Meistens merkt man ja doch gleich, wo Ihr herkommt. Ein bisschen Exotik ist schließlich interessant. Organisiert ein Abendessen und führt den Anderen Eure heimische Küche vor. Bringt Eure Musik mit (Ihr müsst ja nicht vorsingen...). Und so weiter.

Dritte Lektion

Vorurteile sind Nachteile

Seid vorsichtig mit Stereotypen: sowohl was Eure Heimat als auch was die Stadt angeht, in der Ihr zu Gast seid. Die meisten Vorurteile lassen sich vor Ort relativieren. Und Achtung: Eine bestimmte Stadt ist nicht repräsentativ für das ganze Land – wenn Ihr in Paris seid, kennt Ihr vielleicht Paris, aber nicht gleich ganz Frankreich. In Korsika oder in den Pyrenäen sieht es anders aus. Und als Erasmus-Student ist es nochmal anders. Was für paradiesisch scheint, kann für die Einheimischen die Hölle sein. Also hütet Euch vor den üblichen Sprüchen, die Leute nach vermeintlichen Kochkünsten ('Nicht mal Pasta können sie machen') oder sehr allgemeinen Charaktereigenschaften ('Die sind alle kühl und nordisch - oder eben zu heißblütig') zu klassifizieren suchen.

Vierte Lektion

Werdet aktiv – auch außerhalb der Uni!

Du interessierst Dich für Journalismus? Vielleicht gibt es vor Ort eine Studentenzeitung, an der Du mitarbeiten kannst! Oder willst Du lieber etwas im sozialen Bereich machen? Da gibt es in jeder Stadt eine Menge Möglichkeiten, aktiv zu werden! Viele neue Bekanntschaften, die Sprachpraxis, das alles bekommt man auch auf den Erasmus-Partys. Aber hier habt Ihr die Chance, etwas Neues, Eigenes aufzubauen. Ihr wisst ja, auch cafebabel.com ist so eine Erasmus-Idee!

Fünfte Lektion

Nicht im Kopf „zu Hause“ bleiben!

Oft beginnt der Erasmus-Aufenthalt mit Heimweh. Das wird nicht besser, wenn Ihr alle zwei Monate „nach Hause“ fahrt (bald werdet Ihr nicht einmal mehr genau wissen, wo das ist), dreimal am Tag dort anruft (dabei können die Daheimgebliebenen mit Euren enthusiastischen Erzählungen wenig anfangen) und mental immer „online“ sein, anstatt „abwesend“. Stürzt Euch in das neue Abenteuer – nur so könnt Ihr es voll auskosten!

08

12

2007

Der Fall Meredith: Schluss mit der Anti-Erasmus-Propaganda!

Eine Warnung an alle Surfer: Erasmus ist gefährlich, kann zu Depressionen und in Einzelfällen auch zu Selbstmord führen. Zu diesem Urteil kommt Ilvo Diamanti in der italienischen Tageszeitung La Repubblica; er wird darin von Eugenio Scalfari in der Zeitschrift L‘Espresso unterstützt. Die Subkultur der „staatenlosen Jugend“ sei für den Mord an der englischen Austauschstudentin Meredith verantwortlich, der Anfang November in Perugia geschehen ist.

Für Diamanti ist die umbrische Provinzhauptstadt ein herausragendes Beispiel dafür, wie italienische Städte durch Erasmushorden entstellt werden und sich zu Un-Orten ohne „Recht, Ordnung und Autorität“ entwickeln. „In den Universitätsstädten [...] sind die Studenten nur auf der Durchreise. Sie haben keinen Bezug zur Stadt. Und sie haben auch nicht vor, dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Sie zahlen hohe Mieten für ein WG-Zimmer, das ihnen kein Zuhause sein kann.“

Ob sich Diamanti im Klaren darüber ist, wie viele Studenten nach ihrem Erasmusaufenthalt wieder dorthin zurückkehren, wo sie das schönste Jahr ihres Lebens verbracht haben? Die oft sogar, wie ich, dort Arbeit finden, heiraten und sich eine Zukunft aufbauen, die ihnen Italien – wo die Zukunftsaussichten deprimierend sind – nicht bieten kann?

Aber Diamanti geht noch weiter: Die „staatenlosen“ Studenten verfügen über „keinerlei soziale Bindungen. Weder sind sie als Gesellschaft noch als Gemeinschaft zu betrachten. Sie bewegen sich in einem Netz oberflächlicher und meist nur kurzzeitiger Beziehungen. Eng aber unverbindlich.“

Das ist nun wirklich die Höhe, lieber, verehrter Herr Diamanti! Als ob Sie nicht wüssten, dass dank des Erasmusprogramms – 1,5 Millionen Studenten seit 1987 – eine Vielzahl dauerhafter Freundschaften, echter Liebesbeziehungen und sogar Familienplanungen entstanden sind (Fragen Sie meine Frau, eine Französin, die ich an der Luiss in Rom kennengelernt habe). Durch Erasmus haben die Studenten endlich eine Chance, über den Tellerrand zu schauen, zu lernen, sich in anderen Sprachen zu verständigen und – auch wenn Sie das Gegenteil behaupten – sich in einem fremden Land zuhause zu fühlen.

Wenn unter 1,5 Millionen Menschen eine Person einem Mord zum Opfer fällt, muss man nicht gleich die größte Bereicherung des heutigen Studentenlebens mit dem Bann belegen. Das zeigt uns nur, dass Erasmus mittlerweile eine weit verbreitete Erfahrung ist, die – und das ist eigentlich gut so – immer mehr Menschen teilen können. Von nationalen Eigenbrötlern und den schönen Zeiten, „als alle immer nur unter sich waren“ will ich nichts mehr hören. Die Welt entwickelt sich weiter et tant mieux.


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15

10

2007

Flucht nach vorne: Es gibt ein Leben nach Erasmus

Ein Gespräch mit Fiorella über den ‚Erasmus-Effekt‘: Auslandsstudium, Grenzerfahrung, Lebensphase.

Willkommen auf Eurogeneration, Fiorella. Kannst du in fünf Worten deine Erfahrungen während des Erasmusjahres zusammenfassen?

Hallo Adriano, und danke für die Einladung. Also, das Klischee ist ja: Alkohol, Sex, Party, Freunde und Unterhaltung. Aber ich denke, ein Jahr im Ausland bedeutet etwas anderes und vor allem wesentlich mehr als das: die Möglichkeit, sich auszuprobieren, sich mit anderen auseinanderzusetzen, noch einmal ein ganz neues Leben anfangen, ein reiferes und bewußteres Leben. Das sind schon mehr als fünf Worte – aber es ist auch schon zwei Jahre her, seit ich 2004/05 in Alicante war.

Hast du das Post-Erasmus-Syndrom überwunden?

Nein, eigentlich wird es mit jedem Jahr schlimmer! Nach einer ersten kritischen Phase, die unmittelbar nach der Rückkehr einsetzt, ‚normalisiert‘ sich das Gefühl, aber es begleitet dich immer. Das hat aber auch seine positiven Effekte, denn es treibt dich immer wieder an, etwas Neues zu wagen und so schaffst du den Absprung schneller als die anderen.

Was machst du zur Zeit? Gelingt es dir, dieses Leben zwischen vielen Kulturen, wie du es in Spanien kennengelernt hast, beizubehalten?

Ich bin gerade wieder einmal auf dem Sprung, diesmal hoffentlich endgültig nach Spanien oder nach Norditalien. Bis ich im Oktober abreise, arbeite ich im Bereich Grafik und Kommunikation. Dieses Jahr habe ich dank eines Projekts der Region Kampaniens (G.B. Vico) für vier Monate in einer Galerie in Madrid mitgearbeitet und dort viel dazugelernt: Es war eine weitere großartige Auslandserfahrung, ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und das Leben mit und zwischen den Kulturen auskosten können, das es zuhause ja nur in begrenzem Maße gibt – vor allem im Süden und vor allem in Cava, aber das ist eine andere Frage, das weißt du ja selbst ...

Hast du noch Kontakt zu deinen Freunden aus Alicante?

Ja, wenn auch nur phasenweise. Die Entfernungen sind zu groß, um sich regelmäßig zu sehen, aber dank Messenger, E-mail und den anderen Technologien gelingt es uns, den Kontakt zu halten.

Hast du dich mit ihnen über deine Arbeit zur „Antropologie des Erasmusprogramms“ ausgetauscht?

Nicht nur das: Sie sind auch zu meiner Diplomverteidigung gekommen! Alle in Alicante wußten, dass ich meine Arbeit zu Erasmus schreiben würde und sie haben sie alle gelesen (und zwar ganz, zu meiner großen Verwunderung!). Das Schönste war jedoch, zu sehen, wie meine Erasmusfreunde und meine Kommilitonen – die auch in anderen Städten Erasmus gemacht haben –, meine Emotion geteilt haben, als ich zum Ende der Diskussion „Tornano in mente“ von Alex Britti zitiert habe: „Momente, die ich intensiv erlebt habe, kehren besonders intenstiv auch in der Erinnerung zurück, und so sind auch alle Menschen, die ich kennengelernt habe, auf einmal wieder da. Nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass da nichts ist.“ Ich hoffe, dass ich allen Erasmusstudenten habe deutlich machen können, was ‚da noch ist‘, auch nach zwei Jahren und – das wünsche ich mir – auch später noch.

06

10

2007

An alle Ex-Erasmus: Erzählt uns eure Geschichte!

Erinnert ihr euch an das Gefühl? Ihr sitzt (halb dösend) in der Vorlesung, erschöpft, aber glücklich, berauscht und ein bisschen stolz, in Gedanken bei der Bekanntschaft vom letzten Abend oder einfach nur völlig verkatert, weil ihr die halbe Nacht in der Kneipe Gläser gespült habt. Es gibt viele solcher Geschichten aus der Erasmuszeit, aber wenn sie vorbei ist, rückt alles in die Ferne. Sicher, am Anfang ist das Leben grau und öde und die Depression verklärt die Erlebnisse aus dem fernen Land zu Heldentaten einer vergangenen Epoche. Aber irgendwann fangen sich (fast!) alle wieder, das habt ihr in euren Kommentaren bestätigt. Oft bereichert durch wertvolle Erfahrungen und bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen – physisch oder auch nur symbolisch.

Wir planen für die erste Novemberwoche – dann, wenn der Sommer endgültig vorbei ist (auch in Cetara, wo sich vergangenen Sonntag noch die Badegäste drängten) – ein Dossier mit den Erinnerungen der Ex-Erasmus: Geplant ist eine Bildergalerie mit vier bis fünf witzigen, kuriosen oder auch traurigen Erlebnissen aus eurer Erasmuszeit, die ihr mir schickt. Vielleicht seid ihr ja noch mit jemandem zusammen, den ihr von damals kennt. Oder sogar verheiratet. Vielleicht seid ihr dorthin zurückgekehrt oder gleich dort geblieben. Oder ihr habt seitdem den Absprung doch nicht mehr geschafft und träumt davon, wieder loszuziehen. Vielleicht habt ihr euch aber auch eine Arbeit gesucht, die euch das Erasmusgefühl nun Tag für Tag beschert?

Ihr solltet mindestens ein Semester im Erasmusaustausch gewesen sein – wo auch immer – und Lust haben, eure Geschichte mit den 400.000 Lesern von cafebabel.com zu teilen.

Ihr schickt uns ein witziges Foto von euch aus der glorreichen Erasmuszeit und eins von heute, damit wir sehen, was aus euch geworden ist … Falls ihr kein Foto habt, dafür eine um so bessere Geschichte, dürft ihr zum nächsten Punkt übergehen, aber glaubt nicht, dass ihr euch drücken könnt!

Ihr erzählt eure Geschichte mit allem, was dazu gehört – wenn ihr dabei sentimental werdet, lasst uns mitweinen! –, behandelt Namen und Daten aber so, dass wir im Rahmen des seriösen Journalismus bleiben…

Das Ganze schickt ihr an: farano[at]cafebabel.com

Jetzt ist die Eurogeneration dran! Kramt in euren Fotokisten (oder eurer Erinnerung), ruft eure Erasmusfreunde an oder fragt eure Freunde nach ihren Geschichten!

Auf dem Foto der Strand von Cetara ohne Badegäste (also wahrscheinlich im Januar aufgenommen) von Antolo/Flickr.

04

10

2007

Die Post-Erasmus-Depression

Wieder ist September. Reisezeit für die 400.000 europäischen Studenten, die für ein Erasmusjahr in einer von Hunderten Universitätsstädten ihre Zelte aufschlagen werden. Gleichzeitig ist es aber auch die triste Zeit der Rückkehr (zur Routine) für die etwa 350.000, die mit dem vergangenen Studienjahr unvergleichliche Erfahrungen gemacht haben, die meistens ihr Leben verändern werden. Zumindest für ein weiteres Jahr (oder ein Semester). Denn nun heißt es, die alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen und dann ist sie da, die ‚Post-Erasmus-Depression‘.

Gibt man den Ausdruck bei Google ein, erscheint keine einzige psychologische Seite (nicht einmal eine pseudopsychologische). Dafür bin ich bei der Suche auf die intelligente Diplomarbeit von Fiorella de Nicola gestoßen, Die Antropologie des Erasmusprogramms. Wie es der Zufall will, stammt Fiorella – die ihr Erasmusjahr 2004/05 in Alicante verbracht hat – aus demselben Ort wie ich, aus Cava de‘ Tirreni. (Ich habe mir einn Spaß erlaubt und die beiden Städte zu einer Collage zusammengefügt. So schön die unsere ist, aber ob Fiorella dieselben Erkenntnisse gewonnen hätte, wenn sie nach Helsinki gefahren wäre?)

Foto: Pedro Prats Michael Khoo/Flickr.com

In jedem Fall gelingt ihr ein äußerst scharfsinniges Bild des Seelenlebens der Erasmusstudenten in den letzten Tagen ihres Aufenthalts:

 „Noch wissen sie nicht, dass sie zuhause das ‚Post-Erasmus-Syndrom‘ erwartet. Wie grässlich ihnen alles erscheinen wird, die Stadt eiskalt (oder unerträglich heiß), die Universität unglaublich langweilig, das Fernsehprogramm unendlich öde, die Freunde stessig – es steht ihnen eine Riesendepression bevor, von den Ausmaßen eines Hochhauses in Kuala Lumpur. Alles, was nicht Erasmus ist, erregt ihre Abscheu. So erleben es alle, wenngleich in unterschiedlicher Intensität und Dauer. Und da ein Syndrom einen Übergangszustand bezeichnet, kann, besser: muss dieser sogar eine Weile andauern. Aber genauso muss er auch sein Ende haben, um nicht in Melancholie überzugehen.“

Überzeugend ist auch, was sie über den veränderten Begriff von Identität schreibt:

„Alles in allem handelt es sich um eine Erfahrung der ‚Entfremdung‘, der Heimatlosigkeit. Und dies nicht, weil wir keine Heimat hätten (so pathetisch das klingen mag). Sondern weil es nunmehr zwei Heimaten sind – oder zumindest mehr als eine: unsere eigentliche, in der wir geboren und aufgewachsen sind. Und die, die uns für ein oder zwei Semester ‚adoptiert‘ hat und die auch die Heimat unserer Freunde ist: Deutsche, Franzosen, Portugiesen, Mexikaner, Engländer, Skandinaven, Amerikaner, Kanadier – in Alicante hatten wir unser gemeinsames Zuhause. Und so sind auch, auf eine sonderbare Weise, ihre Heimat, ihre Kultur und ihre Freunde zu einem Teil unserer selbst geworden. Das Gerede von europäischer Identität ist also nicht nur Gerede.“

Ist da was dran? Und wie kommt man aus der ‚Post-Erasmus-Depression‘ wieder heraus? Das ist eine Frage für Eurogeneration. Die Diskussion ist eröffnet.